Das Lebesguesche Integral
Lebesgues Zugang durch Unterteilung der Ordinaten
Wir beginnen mit H. Lebesgues ursprünglicher Idee aus dem Jahre 1904:
Es sei \( f\colon[a,b]\to\mathbb R \) eine beschränkte und Lebesguemessbare Funktion, so dass mit zwei reellen Zahlen \( \alpha,\beta\in\mathbb R \) gilt \[ \alpha\lt f(x)\lt\beta\quad\mbox{für alle}\ x\in\Omega. \] Zerlege nun das Intervall \( [\alpha,\beta]\subset\mathbb R \) wie folgt \[ \alpha=y_0\lt y_1\lt y_2\lt\ldots\lt y_N=\beta,\quad N\in\mathbb N, \] und setze \[ \Omega_k:=\{x\in[a,b]\,:\,y_{k-1}\le f(x)\lt y_k\}\quad\mbox{für}\ k=1,2,\ldots,N. \] Führe nun folgende Lebesguesche Unter- und Obersumme ein \[ \sum_{k=1}^Ny_{k-1}\ell_1^*(\Omega_k),\quad \sum_{k=1}^Ny_k\ell_1^*(\Omega_k). \] Dabei sind die \( \ell_1^*(\Omega_k) \) wohldefiniert, denn nach Voraussetzung ist \( f \) Lebesguemessbar. Andererseits zeigt diese Herangehensweise ganz deutlich die Notwendigkeit einer Theorie der Maße von Mengen, denn es sind ja die Ausdrücke \( \ell_1^*(\Omega_k) \) zunächst überhaupt einzuführen.
Bilde nun das Supremum aller Untersummen und das Infimum aller Obersummen bez. aller möglichen Zerlegungen des Intervalls \( [\alpha,\beta]. \) Die Schranken \( \alpha \) und \( \beta \) „passen sich dabei an“ an den tatsächlichen Funktionsverlauf.
Anwendung auf die Dirichletsche Sprungfunktion I
Als Beispiel wollen wir die Lebesgueintegrierbarkeit der Dirichletschen Sprungfunktion \[ \chi_D(x):=\left\{\begin{array}{cl} 1, & \quad x\in[0,1\cap\mathbb Q \\[0.6ex] 0, & \quad x\in[0,1]\setminus\mathbb Q \end{array}\right. \] nachweisen und den Wert ihres Lebesgueintegrals nach der eben beschriebenen Methode der Unterteilung der Ordinaten ermitteln durch Untersuchung geeignet gewählter Teilintervalle. Hierzu unterscheiden insbesondere folgende Fälle:
| (1) | Es existiert ein \( m\in\{1,\ldots,N\} \) mit \( y_{m-1}\le 0\lt 1\lt y_m. \) |
| (2) | Es existiert ein \( m\in\{1,\ldots,N\} \) mit \( y_{m-1}\le 0\lt 1=y_m. \) |
| (3) | Es existieren \( m,n\in\{1,\ldots,N\} \) mit \( m\lt n \) und \( y_{m-1}\le 0\lt y_m\le y_{n-1}\lt 1\lt y_n. \) |
| (4) | Es existieren \( m,n\in\{1,\ldots,N\} \) mit \( m\lt n \) und \( y_{m-1}\le 0\lt y_m\le y_{n-1}\lt 1=y_n. \) |
| (5) | Es existieren \( m,n\in\{1,\ldots,N\} \) mit \( m\lt n \) und \( y_{m-1}\le 0\lt y_m\lt y_{n-1}=1\lt y_n\,. \) |
Der Fall \( y_m\lt 0 \) ist nach Definition der Menge \( \Omega_m \) abgedeckt, falls nur \( y_m\le 0. \) Im Folgenden ist stets \( f(x)\in\{0,1\} \) für alle \( x\in[0,1] \) zu beachten.
Fall (1)
Mit \( y_{m-1}\le 0\lt 1\lt y_m \) haben wir \[ \Omega_m=\{x\in[0,1]\,:\,0\le f(x)\le 1\}=[0,1], \] d.h. \( \ell_1^*(\Omega_m)=1 \) und damit für die Lebesguesche Unter- und Obersumme \[ \begin{array}{l} \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_{k-1}\ell_1^*(\Omega_k)=y_{m-1}\ell_1^*(\Omega_m)=y_{m-1}\le 0, \\[1ex] \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_k\ell_1^*(\Omega_k)=y_m\ell_1^*(\Omega_m)=y_m\gt 1. \end{array} \]
Fall (2)
Mit \( y_{m-1}\le 0\lt 1=y_m \) haben wir \[ \Omega_m=\{x\in[0,1]\,:\,0\le f(x)\lt 1\}=[0,1]\setminus\mathbb Q, \] d.h. \( \ell_1^*(\Omega_m)=1 \) und damit für die Lebesguesche Unter- und Obersumme \[ \begin{array}{l} \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_{k-1}\ell_1^*(\Omega_k)=y_{m-1}\ell_1^*(\Omega_m)=y_{m-1}\le 0, \\[1ex] \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_k\ell_1^*(\Omega_k)=y_m\ell_1^*(\Omega_m)=y_m=1. \end{array} \]
Fall (3)
Mit \( y_{m-1}\le 0\lt y_m\le y_{n-1}\lt 1\lt y_n \) haben wir \[ \begin{array}{lll} \Omega_m\!\!\! & = & \!\!\! \{x\in[0,1]\,:\,0\le f(x)\lt 1\}=[0,1]\setminus\mathbb Q, \\[0.8ex] \Omega_n\!\!\! & = & \!\!\! \{x\in[0,1]\,:\,0\lt f(x)\le 1\}=[0,1]\cap\mathbb Q, \end{array} \] d.h. \( \ell_1^*(\Omega_m)=1, \) \( \ell_1^*(\Omega_n)=0 \) und damit für die Lebesguesche Unter- und Obersumme \[ \begin{array}{l} \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_{k-1}\ell_1^*(\Omega_k)=y_{m-1}\ell_1^*(\Omega_m)+y_{n-1}\ell_1^*(\Omega_n)=y_{m-1}\le 0, \\[1ex] \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_k\ell_1^*(\Omega_k)=y_m\ell_1^*(\Omega_m)+y_n\ell_1^*(\Omega_n)=y_m\lt 1\,. \end{array} \]
Fall (4)
Mit \( y_{m-1}\le 0\lt y_m\le y_{n-1}\lt 1=y_n \) haben wir \[ \begin{array}{lll} \Omega_m\!\!\! & = & \!\!\! \{x\in[0,1]\,:\,0\le f(x)\lt 1\}=[0,1]\setminus\mathbb Q, \\[0.8ex] \Omega_n\!\!\! & = & \!\!\! \{x\in[0,1]\,:\,0\lt f(x)\lt 1\}=\emptyset, \end{array} \] d.h. \( \ell_1^*(\Omega_m)=1, \) \( \ell_1^*(\Omega_n)=0 \) und damit für die Lebesguesche Unter- und Obersumme \[ \begin{array}{l} \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_{k-1}\ell_1^*(\Omega_k)=y_{m-1}\ell_1^*(\Omega_m)+y_{n-1}\ell_1^*(\Omega_n)=y_{m-1}\le 0, \\[1ex] \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_k\ell_1^*(\Omega_k)=y_m\ell_1^*(\Omega_m)+y_n\ell_1^*(\Omega_n)=y_m\lt 1\,. \end{array} \]
Fall (5)
Mit \( y_{m-1}\le 0\lt y_m\lt y_{n-1}=1\lt y_n \) haben wir \[ \begin{array}{lll} \Omega_m\!\!\! & = & \!\!\! \{x\in[0,1]\,:\,0\le f(x)\lt 1\}=[0,1]\setminus\mathbb Q, \\[0.8ex] \Omega_n\!\!\! & = & \!\!\! \{x\in[0,1]\,:\,1\le f(x)\}=[0,1]\cap\mathbb Q, \end{array} \] d.h. \( \ell_1^*(\Omega_m)=1, \) \( \ell_1^*(\Omega_n)=0 \) und damit für die Lebesguesche Unter- und Obersumme \[ \begin{array}{l} \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_{k-1}\ell_1^*(\Omega_k)=y_{m-1}\ell_1^*(\Omega_m)+y_{n-1}\ell_1^*(\Omega_n)=y_{m-1}\le 0, \\[1ex] \displaystyle \sum_{k=1}^Ny_k\ell_1^*(\Omega_k)=y_m\ell_1^*(\Omega_m)+y_n\ell_1^*(\Omega_n)=y_m\lt 1\,. \end{array} \]
Aus diesen Fallunterscheidungen lesen wir ab, dass das Supremum aller Lebesgueschen Untersummen und das Infimum aller Lebesgueschen Obersummen den gemeinsamen Wert \( 0 \) besitzen, d.h. die Dirichletsche Sprungfunktion ist Lebesgueintegrierbar nach Lebesgues Methode der Unterteilung der Ordinaten mit dem Lebesgueintegral \[ \int\limits_0^1\chi_D(x)\,d\ell_1^*(x)=0. \]
Youngs Zugang nach Riemann-Darboux
Folgenden Zugang nach G.C. Young und W.H. Young findet man in → W.H. Young.
Wir betrachten wieder eine beschränkte und Lebesguemessbare Funktion \( f\colon[a,b]\to[\alpha,\beta]. \) Zerlege jetzt das Urbild \( [a,b]\subset\mathbb R \) in eine endliche Zahl \( N\in\mathbb N \) paarweise nicht überlappender, Lebesguemessbarer Teilmengen \( \Omega_k \) mit \[ \begin{array}{l} \ell_1^*(\Omega_i\cap\Omega_j)=0,\quad\mbox{falls}\ i\not=j, \\ \Omega_k\not=\emptyset\quad\mbox{für alle}\ k=1,2,\ldots,N. \end{array} \] Berechne dann folgende Youngsche Unter- und Obersumme \[ \sum_{k=1}^N\inf_{x\in\Omega_k}f(x)\ell_1^*(\Omega_k),\quad \sum_{k=1}^N\sup_{x\in\Omega_k}f(x)\ell_1^*(\Omega_k), \] und bilde das Supremum aller solcher Untersummen und das Infimum aller solcher Obersummen bez. aller möglichen Zerlegungen des Intervalls \( [a,b] \) in Lebesguemessbare Teilmengen.
Wir unterscheiden die Lebesgueintegrale der beiden bisher angesprochenen Integrationsmethoden nicht, übergehen aber eine Diskussion, ihre Gleichheit unter geeigneten Voraussetzung zu begründen.
Ist \( \Theta\subseteq[a,b] \) eine Lebesguemessbare Teilmenge, so setzen wir \[ \int\limits_\Theta f(x)\,d\ell_1(x):=\int\limits_a^bf(x)\chi_\Theta(x)\,d\ell_1(x) \] mit der charakteristischen Funktion \( \chi_\Theta \) von \( \Theta. \) Beachte, dass es nicht-Lebesguemessbare Teilmengen von \( [a,b] \) gibt, auf denen \( \chi_\Theta \) nicht Lebesguemessbar ist.
Anwendung auf die Dirichletsche Sprungfunktion II
Auch hier wollen wir als Beispiel die Lebesgueintegrierbarkeit der Dirichletschen Sprungfunktion \[ \chi_D(x):=\left\{\begin{array}{cl} 1, & \quad x\in[0,1\cap\mathbb Q \\[0.6ex] 0, & \quad x\in[0,1]\setminus\mathbb Q \end{array}\right. \] nachweisen und den Wert ihres Lebesgueintegrals nach der Youngschen Methode nach Riemann-Darboux ermitteln. Es sei dazu \( \{\Omega_1,\ldots,\Omega_N\} \) eine Zerlegung von \( [0,1] \) in Lebesguemessbare und paarweise disjunkte Teilmengen \( \Omega_k. \)
Wir betrachten zunächst die zu dieser Zerlegung gehörige Youngsche Untersumme \[ \sum_{k=1}^N\inf_{x\in\Omega_k}f(x)\ell_1^*(\Omega_k). \] Hierin verschwindet tatsächlich jeder einzelne Summand, denn
| \( \circ \) | entweder ist \( \displaystyle\inf_{x\in\Omega_k}f(x)=0, \) |
| \( \circ \) | oder es ist \( \displaystyle\inf_{x\in\Omega_k}f(x)=1. \) |
Im ersten Fall verschwindet, wie behauptet, der Summand mit Index \( k. \) Im zweiten Fall enthält \( \Omega_k \) keinen irrationalen Punkt, so dass \( \Omega_k\subseteq[0,1]\cap\mathbb Q, \) und damit ist \( \ell_1^*(\Omega_k)=0. \) Die Youngsche Untersumme verschwindet also, und da die Zerlegung beliebig gewählt wurde, folgt, dass das Supremum aller möglichen Youngschen Untersummen gleich \( 0 \) ist.
Jetzt betrachten wir die zur Zerlegung gehörige Youngsche Obersumme \[ \sum_{k=1}^N\sup_{x\in\Omega_k}f(x)\ell_1^*(\Omega_k). \] Offenbar gilt wegen der Lebesguemessbarkeit der paarweise disjunkten Mengen \( \Omega_k \) \[ 0\le\sum_{k=1}^N\sup_{x\in\Omega_k}f(x)\ell_1^*(\Omega_k)\le\sum_{k=1}^N\ell_1^*(\Omega_k)=\ell_1^*([0,1])=1. \] Aber tatsächlich verschwindet die Youngsche Obersumme zur speziellen Zerlegung \[ \Omega_1=[0,1]\cap\mathbb Q,\quad \Omega_2=[0,1]\setminus\mathbb Q, \] denn in diesem Fall ist \[ \begin{array}{lll} \displaystyle \sum_{k=1}^2\sup_{x\in\Omega_k}f(x)\ell_1^*(\Omega_k)\!\!\! & = & \!\!\!\displaystyle \sup_{x\in\Omega_1}f(x)\ell_1^*(\Omega_1)+\sup_{x\in\Omega_1}f(x)\ell_1^*(\Omega_2) \\[1ex] & = & \!\!\!\displaystyle 1\cdot\ell_1^*([0,1]\cap\mathbb Q)+0\cdot\ell_1^*([0,1]\setminus\mathbb Q) \\[1ex] & = & \!\!\!\displaystyle 1\cdot 0+0\cdot 0\,=\,0. \end{array} \] Also ist das Infimum aller möglichen Youngschen Obersummen gleich \( 0. \)
Die Dirichletsche Sprungfunktion ist also auch nach der Methode der Youngschen Unter- und Obersummen Lebesgueintegrierbar mit dem Lebesgueintegral \[ \int\limits_0^1f(x)\,d\ell_1^*(x)=0. \]
Das Lebesgueintegral für einfache Funktionen
In drei Schritten stellen wir nun einen weiteren Zugang zur Lebesgueintegrierbarkeit und zum Lebesgueintegral vor, der ebenfalls auf → W.H. Young zurückgeht.
Die Grundidee besteht darin, diejenigen Funktionen, für welche ein Integral erklärt werden soll, geeignet zu approximieren durch Funktionen, denen man entweder auf elementare Art und Weise ein Integral zuordnen kann, oder für die bereits ein Integral existiert.
Wir beginnen mit einer nichtleeren Lebesguemessbaren Menge \( \Omega\subseteq\mathbb R^n, \) die wie folgt durch endlich viele nichtleere, paarweise disjunkte und Lebesguemessbare Teilmengen \( \Omega_k\subseteq\mathbb R^n \) zerlegt wird, genauer \[ \Omega=\bigcup_{k=1}^N\Omega_k\,,\quad N\in\mathbb N. \] Bezüglich dieser Zerlegung sei \( \varphi\colon\Omega\to\mathbb R \) eine einfache Funktion gemäß \[ \varphi(x)=\sum_{k=1}^Nc_k\chi_{\Omega_k}(x),\quad c_k\in\mathbb R. \]
Es ist zu beachten, dass obige Darstellung \[ \sum_{k=1}^Nc_k\chi_{\Omega_k}(x) \] der einfachen Funktion \( \varphi \) nur eine von vielen möglichen Darstellungen ist, so dass beispielsweise gilt \[ \varphi(x)=\sum_{k=1}^Nc_k\chi_{\Omega_k}(x)=\sum_{k=1}^{N^*}c_k^*\chi_{\Omega_k^*}(x) \] mit einer Zerlegung von \( \Omega \) in nichtleere, paarweise disjunkte und Lebesguemessbare Teilmengen \( \Omega_1^*,\ldots,\Omega_{N^*}^* \) und geeignet zu wählenden Konstanten \( c_k^*\in\mathbb R. \)
Die einfache Funktion \( \varphi \) besitze die Darstellungen \[ \varphi(x)=\sum_{i=1}^Kc_i\chi_{\Omega_i}(x)=\sum_{j=1}^Ld_i\chi_{\Omega_i^*}(x),\quad K,L\in\mathbb N, \] mit nichtleeren, paarweise disjunkten und Lebesguemessbaren Teilmengen \( \Omega_i \) und \( \Omega_j^*, \) so dass \[ \Omega=\bigcup_{i=1}^K\Omega_i=\bigcup_{j=1}^L\Omega_j^*\,. \] Wir führen nun die paarweise disjunkten und Lebesguemessbaren Mengen \[ \Theta_{ij}:=\Omega_i\cap\Omega_j^*\,,\quad i=1,\ldots,K,\ j=1,\ldots,L, \] ein und beachten \[ \Omega_i=\Omega_i\cap\Omega=\Omega_i\cap\bigcup_{j=1}^L\Omega_j^*=\bigcup_{j=1}^L\Theta_{ij}\,,\quad i=1,\ldots,K, \] bzw. analog \[ \Omega_j^*=\bigcup_{i=1}^K\Theta_{ij}\,,\quad j=1,\ldots,L. \] Damit haben wir die neuen Darstellungen \[ \varphi(x)=\sum_{i=1}^Kc_i\chi_{\Omega_i}(x)=\sum_{i=1}^K\sum_{j=1}^Lc_i\chi_{\Theta_{ij}}(x)=\sum_{j=1}^L\sum_{i=1}^Kd_i\chi_{\Theta_{ij}}(x), \] diesmal aber in beiden Fällen bezogen auf dieselben Grundmengen \( \Theta_{ij}. \) In beiden Summen müssen wir nur die Summanden berücksichtigen mit \( \ell_n^*(\Theta_{ij})\not=\emptyset. \) Wählen wir aus einer solchen nichtleeren Grundmenge ein \( x\in\Theta_{ij} \) beliebig, so lassen sich die Koeffizienten \( c_i \) und \( d_j \) wie folgt aufeinander beziehen \[ \varphi(x)=c_i=d_j\,,\quad x\in\Theta_{ij}\not=\emptyset\,. \] Damit ermitteln wir \[ \begin{array}{lll} \displaystyle \sum_{i=1}^Kc_i\ell_n^*(\Omega_i)\!\!\! & = & \!\!\!\displaystyle \sum_{i=1}^Kc_i\ell_n^*\left(\,\bigcup_{j=1}^L\Theta_{ij}\right) \,=\,\sum_{i=1}^K\sum_{j=1}^Lc_i\ell_n^*(\Theta_{ij}) \\[1.6ex] & = & \!\!\!\displaystyle \sum_{i=1}^K\sum_{j=1}^Ld_j\ell_n^*(\Theta_{ij}) \,=\,\sum_{j=1}^Ld_j\ell_n^*\left(\,\bigcup_{i=1}^K\Theta_{ij}\right) \,=\,\sum_{j=1}^Ld_j\ell_n^*(\Omega_j^*). \end{array} \] Das beweist die Behauptung.\( \qquad\Box \)
Das Lebesgueintegral für nichtnegative Funktionen
Nach diesem → Approximationssatz lässt sich eine nichtnegative Lebesguemessbare Funktion \( f \) durch eine monoton wachsende Folge \( \{\varphi^{(k)}\}_{k=1,2,\ldots} \) einfacher Funktionen punktweise approximieren. Das nutzen wir aus zur
Man zeigt, dass diese Definition unabhängig von Wahl der approximierenden Folge einfacher Funktionen ist. Hierzu verweisen auf die Monographie → M.E. Munroe, Abschnitt 24.
Wir bemerken schließlich, dass die Approximation „von unten“ ein „unteres Integral“ erzeugt und damit erlaubt, auch unbeschränkte Funktionen in die Untersuchungen aufzunehmen.
Bemerkung: In der Literatur findet man häfig die Definition \[ \int\limits_\Omega f(x)\,d\ell_n(x):=\sup\left\{\,\int\limits_\Omega\varphi(x)\,d\ell_n(x)\,:\,0\le\varphi\le f\ \text{einfach}\right\} \] für das Lebesgueintegral einer nichtnegativen, Lebesguemessbaren Funktionen \( f. \)
Wir führen folgende Funktionenklassen ein \[ \begin{array}{lll} S_f\!\!\! & := & \!\!\!\displaystyle \{\{\varphi^{(k)}\}_{k=1,2,\ldots}\,:\,0\le\varphi^{(1)}\le\varphi^{(2)}\le\ldots\le f\ \text{einfach,}\ \varphi^{(k)}\nearrow f\}\,, \\[0.8ex] T_f\!\!\! & := & \!\!\!\displaystyle \{\{\psi^{(\ell)}\}_{\ell=1,2,\ldots}\,:\,0\le\psi^{(\ell)}\le f\ \text{einfach}\}\,. \end{array} \] Ist nun \( \{\varphi^{(k)}\}_{k=1,2,\ldots}\in S_f, \) so gilt offenbar \[ \int\limits_\Omega\varphi^{(k)}(x)\,d\ell_n(x) \le\sup\left\{\,\int\limits_\Omega\varphi(x)\,d\ell_n(x)\,:\,0\le\varphi\le f\ \text{einfach}\right\} \] für alle \( k=1,2,\ldots \) und damit auch im Grenzwert, der, an dieser Stelle ohne Einschränkung und nach Annahme in \( \mathbb R \) existiert und dann nach obiger Bemerkung unabhängig von der Wahl der approximierenden Folge aus \( S_f \) ist, \[ \int\limits_\Omega\varphi^{(k)}(x)\,d\ell_n(x) \le\lim_{k\to\infty}\int\limits_\Omega\varphi^{(k)}(x)\,d\ell_n(x) \le\sup\left\{\,\int\limits_\Omega\varphi(x)\,d\ell_n(x)\,:\,0\le\varphi\le f\ \text{einfach}\right\}. \] Wir bezeichnen den Grenzwert links mit \( S, \) das Supremum rechts mit \( T. \) Angenommen, es gilt \( S\lt T. \) Sei \( \{\psi^{(\ell)}\}_{\ell=1,2,\ldots}\in T_f \) eine Folge einfacher Funktionen mit \( \psi^{(\ell)}\to T. \) Dann existiert ein Index \( L\in\mathbb N \) mit \[ S\lt\int\limits_\Omega\psi^{(\ell)}(x)\,d\ell_n(x)\le T\quad\text{für alle}\ \ell\ge L. \] Wegen \( \psi^{(L)}\le f \) können wir aber \( \psi^{(L)} \) als erstes Element einer Folge aus \( S_f \) wählen, d.h., mit \( \psi^{(L)} \) beginnend, konstruieren wir eine die Funktion \( f \) monoton wachsend und punktweise approximierende Folge einfacher Funktionen aus \( S_f. \) Dann muss aber wieder gelten \[ \int\limits_\Omega\psi^{(L)}(x)\,d\ell_n(x)\le S, \] und das ist ein Widerspruch. Also gilt \( S=T.\qquad\Box \)
Das Lebesgueintegral für beliebige Funktionen
Eine beliebige Lebesguemessbare Funktion \( f\colon\Omega\to\overline{\mathbb R} \) auf einer Lebesguemessbaren Menge \( \Omega\subseteq\mathbb R^n \) können wir vermöge \[ f(x)=\frac{|f(x)|+f(x)}{2}-\frac{|f(x)|-f(x)}{2}\,,\quad x\in\Omega, \] in zwei nichtnegative und Lebesguemessbare Anteile aufspalten, und auf diese beiden Anteile wenden wir nun unsere Definition aus dem vorigen Paragraph an.
Erst mit dieser Definition haben wir festgelegt, was wir unter Lebesgueintegrierbarkeit verstehen wollen. Es ist zu beachten, dass die Endlichkeitsbedingungen hierin notwendig sind, da wir insbesondere den sonst möglichen, aber nicht definierten Fall „\( \infty-\infty \)“ ausschließen müssen.
Homogenität des Lebesgueintegrals
Wir beginnen mit dem
| 1. | Sei \( f \) zunächst die einfache und Lebesgueintegrierbare Funktion |
\[ \varphi(x)=\sum_{i=1}^Nc_i\chi_{\Omega_i}(x). \]
| Dann ermitteln wir |
\[ \int\limits_\Omega\alpha\varphi\,d\ell_n(x) =\sum_{i=1}^N\alpha c_i\ell_n^*(\Omega_i) =\alpha\sum_{i=1}^Nc_i\ell_n^*(\Omega_i) =\alpha\int\limits_\Omega\varphi\,d\ell_n(x), \]
| d.h. die Behauptung gilt in diesem Fall. | |
| 2. | In Abhängigkeit vom Vorzeichen von \( \alpha \) spalten wir \( \alpha f \) in folgende Anteile auf: |
\[ \begin{array}{l} \alpha f=(\alpha f)^+-(\alpha f)^-=\alpha f^+-\alpha f^-\,,\quad\text{falls}\ \alpha\ge 0, \\[0.6ex] \alpha f=(\alpha f)^+-(\alpha f)^-=\alpha f^--\alpha f^+=|\alpha|f^+-|\alpha|f^-\,,\quad\text{falls}\ \alpha\lt 0. \end{array} \] Ein Approximationsargument beweist den Satz.\( \qquad\Box \)
Wir wollen nun verschiedene Eigenschaften Lebesgueintegrierbarer Funktionen herausarbeiten. Dazu benötigen wir an verschiedenen Stellen den folgenden
Zunächst bemerken wir, dass \( f, \) eingeschränkt auf ein beliebiges der \( \Omega_k, \) wieder Lebesguemessbar ist, denn für \( c\in\mathbb R \) ist die Menge \[ \{x\in\Omega_k\,:\,f(x)\gt c\}=\{x\in\Omega\,:\,f(x)\gt c\}\cap\Omega_k \] Lebesguemessbar, da der Durchschnitt auf der rechten Seite Lebesguemessbar ist. Die Lebesgueintegrierbarkeit der nichtnegativen Funktion \( f \) auf \( \Omega_k \) bedeutet dann \[ \int\limits_{\Omega_k}f(x)\,d\ell_n(x)=\int\limits_{\Omega\cap\Omega_k}f(x)\,d\ell_n(x)\lt\infty\,. \] Sei nun \( f \) die einfache Funktion \( \varphi. \) Wir setzen \[ \Omega_+:=\{x\in\Omega\,:\,\varphi(x)\gt 0\}\,. \] Dass \( \varphi \) Lebesgueintegrierbar auf jeder Menge \( \Theta_j \) ist, bedeutet \[ \ell_n^*(\Theta_j\cap\Omega_+)\lt\infty\quad\text{für alle}\ j=1,\ldots,M, \] und es folgt \[ \ell_n^*(\Omega\cap\Omega_+)=\sum_{j=1}^M\ell_n^*(\Theta_j\cap\Omega_+)\lt\infty\,. \] Also ist \( \varphi \) Lebesgueintegrierbar auf der gesamten Menge \( \Omega. \) Sei nun wie üblich \[ \varphi(x)=\sum_{i=1}^Nc_i\chi_{\Omega_i}(x). \] Wir berechnen \[ \begin{array}{lll} \displaystyle \sum_{k=1}^K\,\int\limits_{\Theta_k}\varphi(x)\,d\ell_n(x)\!\!\! & = & \!\!\!\displaystyle \sum_{k=1}^K\sum_{i=1}^N c_i\ell_n^*(\Omega_i\cap\Theta_k) \,=\,\sum_{i=1}^Nc_i\sum_{k=1}^K\ell_n^*(\Omega_i\cap\Theta_k) \\[1.6ex] & = & \!\!\!\displaystyle \sum_{i=1}^Nc_i\ell_n^*(\Omega\cap\Omega_i) \,= \,\sum_{i=1}^Nc_i\ell_n^*(\Omega_i) \\[1.6ex] & = & \!\!\!\displaystyle \int\limits_\Omega\varphi(x)\,d\ell_n(x). \end{array} \] Damit zeigt die Behauptung für nichtnegative einfache Funktionen. Die Behauptung des Hilfssatzes folgt nach Approximation der nichtnegativen, Lebesguemessbaren Funktion durch nichtnegative einfache Funktionen.\( \qquad\Box \)
Linearität des Lebesgueintegrals
Wir kommen nun zu dem
Wir gehen nach → M.E. Munroe, Abschnitt 25, vor.
| 1. | Wir zeigen die Aussage zunächst für nichtnegative, einfache Funktionen, die wir, wie gewohnt, in folgender Form schreiben |
\[ \varphi(x)=\sum_{i=1}^Mc_i\chi_{\Omega_i}(x),\quad \psi(x):=\sum_{j=1}^Nd_j\chi_{\Theta_j}(x),\quad x\in\Omega. \]
| Setzen wir |
\[ \Sigma_{ij}:=\Omega_i\cap\Theta_j\,,\quad i=1,\ldots,M,\ j=1,\ldots,N, \]
| und beachten |
\[ \Omega_i=\bigcup_{j=1}^N\Sigma_{ij}\,,\quad \Theta_j=\bigcup_{i=1}^M\Sigma_{ij}\,, \]
| so können wir auch schreiben |
\[ \varphi(x)=\sum_{i=1}^M\sum_{j=1}^Nc_i\chi_{\Sigma_{ij}}(x),\quad \psi(x)=\sum_{i=1}^M\sum_{j=1}^Nd_j\chi_{\Sigma_{ij}}(x),\quad x\in\Omega. \]
| Es ist also |
\[ \alpha\varphi(x)+\beta\psi(x)=\sum_{i=1}^M\sum_{j=1}^N(\alpha c_i+\beta d_j)\chi_{\Sigma_{ij}}(x),\quad x\in\Omega, \]
| und nach Integration der einfachen Funktion \( \alpha\varphi+\beta\psi \) folgt |
\[ \begin{array}{l} \displaystyle \int\limits_\Omega\big\{\alpha\varphi(x)+\beta\psi(x)\big\}\,d\ell_n(x) \,=\,\sum_{i=1}^M\sum_{j=1}^N(\alpha c_i+\beta d_j)\ell_n^*(\Sigma_{ij}) \\[1.6ex] \qquad=\,\displaystyle \alpha\sum_{i=1}^M\sum_{j=1}^Nc_i\ell_n^*(\Sigma_{ij})+\beta\sum_{i=1}^M\sum_{j=1}^Nd_j\ell_n^*(\Sigma_{ij}) \\[1.6ex] \qquad=\,\displaystyle \alpha\sum_{i=1}^Mc_i\ell_n^*(\Omega_i)+\beta\sum_{j=1}^Nd_j\ell_n^*(\Theta_j) \\[1.6ex] \qquad=\,\displaystyle \alpha\int\limits_\Omega\varphi(x)\,d\ell_n(x)+\beta\int\limits_\Omega\psi(x)\,d\ell_n(x). \end{array} \]
| Das ist die Linearität des Lebesgueintegrals einfacher, nichtnegativer Funktionen. Ein Approximationsargument zeigt die Linearität für nichtnegative, Lebesgueintegrierbare Funktionen. | |
| 2. | Es seien nun \( f \) und \( g \) Lebesgueintegrierbar. Es genügt ferner, nur den Fall \( \alpha=\beta=1 \) zu betrachten. Wir setzen |
\[ \Sigma_1:=\{x\in\Omega\,:\,f(x)g(x)\ge 0\}\,. \]
| Diese Menge ist Lebesguemessbar, denn wir ermitteln |
\[ \begin{array}{l} \Sigma_1 \,=\,\big[\{x\in\Omega\,:\,f(x)\ge 0\}\cap\{x\in\Omega\,:\,g(x)\ge 0\}\big]\cup\ldots \\[0.8ex] \qquad\qquad\quad\ldots\cup\big[\{x\in\Omega\,:\,f(x)\le 0\}\cap\{x\in\Omega\,:\,g(x)\le 0\}\big], \end{array} \]
| und die rechte Seite ist Lebesguemessbar. In beiden Fällen \( f,g\ge 0 \) bzw. \( f,g\le 0 \) überzeugen wir uns von |
\[ (f+g)^+=f^++g^+\,,\quad (f+g)^-=f^-+g^-\,, \]
| so dass (in der dritten und vierten Zeile nutzen wir die im ersten Beweispunkt gezeigte Linearität füt nichtnegative, Lebesgueintegrierbare Funktionen) |
\[ \begin{array}{l} \displaystyle \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}(f+g)\,d\ell_n(x) \,=\,\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}(f+g)^+\,d\ell_n(x)-\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}(f+g)^-\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] \qquad\displaystyle =\,\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}(f^++g^+)\,d\ell_n(x)-\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}(f^-+g^-)\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] \qquad\displaystyle =\,\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}f^+\,d\ell_n(x)+\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}g^+\,d\ell_n(x) -\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}f^-\,d\ell_n(x)-\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}g^-\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] \qquad\displaystyle =\,\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}(f^+-f^-)\,d\ell_n(x)+\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}(g^+-g^-)\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] \qquad\displaystyle =\,\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}f\,d\ell_n(x)+\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_1}g\,d\ell_n(x). \end{array} \]
| 3. | Als nächstes setzen wir |
\[ \Sigma_2:=\{x\in\Omega\,:\,f(x)\ge 0,\ g\lt 0\}\,. \]
| Wegen |
\[ \Sigma_2=\{x\in\Omega\,:\,f(x)\ge 0\}\cap\{x\in\Omega\,:\,g(x)\lt 0\} \]
| ist auch diese Menge Lebesguemessbar, und wir zerlegen sie weiter in die beiden Lebesguemessbaren Teilmengen |
\[ \begin{array}{rcl} \Sigma_2^+\!\!\! & := & \!\!\! \{x\in\Sigma_2\,:\,f(x)+g(x)\ge 0\}\,, \\[0.6ex] \Sigma_2^-\!\!\! & := & \!\!\! \{x\in\Sigma_2\,:\,f(x)+g(x)\lt 0\}\,. \end{array} \]
| Nun berechnen wir einmal (die Integranden \( f, \) \( -g \) und \( f+g \) sind nichtnegativ) |
\[ \begin{array}{lll} \displaystyle \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^+}f\,d\ell_n(x)\!\!\! & = & \!\!\!\displaystyle \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^+}(f+g-g)\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] & = & \!\!\!\displaystyle \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^+}(f+g)\,d\ell_n(x)+\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^+}(-g)\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] & = & \!\!\!\displaystyle \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^+}(f+g)\,d\ell_n(x)-\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^+}g\,d\ell_n(x) \end{array} \]
| und damit nach Umstellen |
\[ \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^+}(f+g)\,d\ell_n(x)=\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^+}f\,d\ell_n(x)+\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^+}g\,d\ell_n(x). \]
| Analog ist |
\[ \begin{array}{lll} \displaystyle -\,\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}g\,d\ell_n(x)\!\!\! & = & \!\!\!\displaystyle \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}(-g)\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] & = & \!\!\!\displaystyle \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}(-f-g+f)\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] & = & \!\!\!\displaystyle \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}(-f-g)\,d\ell_n(x)+\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}f\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] & = & \!\!\!\displaystyle -\,\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}(f+g)\,d\ell_n(x)+\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}f\,d\ell_n(x). \end{array} \]
| bzw. nach Umstellen |
\[ \int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}(f+g)\,d\ell_n(x)=\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}f\,d\ell_n(x)+\int\limits_{\Omega\cap\Sigma_2^-}g\,d\ell_n(x). \]
| Der vorige → Hilfssatz beweist die Linearität des Lebesgueintegrals auf \( \Sigma_2, \) und ganz analog zeigt man die Linearität auf |
\[ \Sigma_3:=\{x\in\Omega\,:\,f(x)\lt 0,\ g(x)\ge 0\}\,. \] Nach wiederholter Verwendung dieses → Hilfssatzes ist der Satz bewiesen.\( \qquad\Box \)
Monotonie des Lebesgueintegrals
Durch Approximation vermittels nichtnegativer einfacher Funktionen erhalten wir auch den
Insbesondere erhalten wir \[ \int\limits_\Omega f(x)\,d\ell_n(x)\le\int\limits_\Omega g(x)\,d\ell_n(x) \] für Lebesgueintegrierbare Funktionen \( f \) und \( g \) mit der Eigenschaft \( f\le g \) in \( \Omega, \) denn hierzu betrachten wir die nichtnegative, Lebesgueintegrierbare Differenz \( g-f\ge 0 \) und wenden die Linearität des Lebesgueintegrals an.
Wir führen nun ein \[ {\mathcal L}_n:=\{\Omega\subseteq\mathbb R^n\,:\,\Omega\ \mbox{ist Lebesguemessbar nach Caratheodory}\}\,. \]
Es sei wie üblich \[ \varphi(x)=\sum_{i=1}^Nc_i\chi_{\Omega_i}(x),\quad x\in\Omega, \] gesetzt, und es seien \( \Theta_j, \) \( j=1,2,\ldots, \) abzählbar viele, paarweise disjunkte und Lebesguemessbare Mengen. Dann berechnen wir \[ \begin{array}{lll} \displaystyle \Phi\left(\,\bigcup_{j\ge 1}\Theta_j\right)\!\!\! & = & \displaystyle\!\! \int\limits_{\Theta_1\cup\Theta_2\cup\ldots}\varphi(x)\,d\ell_n(x) \,=\,\sum_{i=1}^Nc_i\ell_n^*\left(\Omega_i\cap\bigcup_{j\ge 1}\Theta_j\right) \\[1.6ex] & = & \displaystyle\!\! \sum_{i=1}^Nc_i\sum_{j\ge 1}\ell_n^*(\Omega_i\cap\Theta_j) \,=\,\sum_{j\ge 1}\sum_{i=1}^Nc_i\ell_n^*(\Omega_i\cap\Theta_j) \\[1.6ex] & = & \displaystyle\!\! \sum_{j\ge 1}\,\int\limits_{\Theta_j}\varphi(x)\,d\ell_n(x) \,=\,\sum_{j\ge 1}\Phi(\Theta_j). \end{array} \] Das war zu zeigen.\( \qquad\Box \)
Man sagt, die Abbildung \( \Phi(\Theta) \) stellt ein Maß auf \( {\mathcal L}_n \) dar. Unter einem Maß auf einer \( \sigma \)-Algebra \( {\mathcal A} \) von Mengen versteht man dabei eine nichtnegative Mengenabbildung \( \mu, \) so dass für alle \( \Omega\in{\mathcal A} \) gelten
| (i) | \( \mu(\emptyset)=0 \) |
| (ii) | \( \displaystyle\mu\left(\,\bigcup_{i\ge 1}\Omega_i\right)=\sum_{i\ge 1}\mu(\Omega_i) \) für \( \Omega_i\in{\mathcal A} \) paarweise disjunkt. |
Wir beschäftigen uns mit dem äußeren Lebesguemaß.
Allgemeiner gilt sogar die folgende Aussage, für deren Beweis uns aber noch nicht alle Hilfsmittel bereitstehen.
Die Tschebyschevsche Ungleichung
Hierbei handelt es sich um Folgendes.
Es ist zunächst \[ \lambda\chi_{\{x\in\Omega\,:\,f(x)\gt\lambda\}}(x)\le f(x)\quad\mbox{für alle}\ x\in\Omega \] mit der charakteristischen Funktion \( \chi. \) Die Menge \( \{x\in\Omega\,:\,f(x)\gt\lambda\} \) ist Lebesguemessbar, so dass Integration liefert \[ \lambda\ell_n^*(\{x\in\Omega\,:\,f(x)\gt\lambda\}) =\int\limits_\Omega\lambda\chi_{\{x\in\Omega\,:\,f(x)\gt\lambda\}}(x)\,d\ell_n(x) \le\int\limits_\Omega f(x)\,d\ell_n(x) \] nach dem Satz aus Paragraph 16.3.4 sowie unter Beachtung der Monotonie des Lebesgueintegrals. Nach Umstellen folgt \[ \ell_n^*(\{x\in\Omega\,:\,f(x)\gt\lambda\})\le\frac{1}{\lambda}\,\int\limits_\Omega f(x)\,d\ell_n(x) \] und damit die Behauptung.\( \qquad\Box \)
Fast überall verschwindende Integranden
Eine erste Folgerung der Tschebyschevschen Ungleichung ist der
Wir zeigen zwei Richtungen.
| 1. | Es sei \( f=0 \) fast überall in \( \Omega. \) Sei dazu zunächst |
\[ f(x)=\sum_{i=1}^Nc_i\chi_{\Omega_i}(x) \]
| nichtnegativ und einfach. Beachte \( c_i\ge 0 \) für alle \( i=1,\ldots,N. \) Ist nun \( c_i\gt 0 \) für ein \( i\in\{1,\ldots,N\}, \) so folgt notwendig \( \ell_n^*(\Omega_i)=0, \) da \( f=0 \) fast überall in \( \Omega, \) und damit verschwindet auch das Lebesgueintegral |
\[ \int\limits_\Omega f(x)\,d\ell_n(x)=\sum_{i=1}^Nc_i\ell_n^*(\Omega_i). \]
| über \( f. \) Ist \( f \) nun nichtnegativ und Lebesguemessbar, so approximieren wir \( f \) monoton wachsend durch einfache Funktionen. | |
| 2. | Es gelte nun \( \displaystyle\int_\Omega f(x)\,d\ell_n(x)=0. \) Wir setzen |
\[ \begin{array}{rcl} \Theta_k\!\!\! & := & \!\!\!\displaystyle \left\{x\in\Omega\,:\,f(x)\ge\frac{1}{k}\right\}, \\[1.0ex] \Theta\!\!\! & := & \!\!\!\displaystyle \big\{x\in\Omega\,:\,f(x)\gt 0\big\} \,=\,\bigcup_{k\ge 1}\Theta_k\,. \end{array} \]
| Wäre \( \ell_n^*(\Theta)\gt 0, \) so gibt es ein \( \Theta_k \) mit \( \ell_n^*(\Theta_k)\gt 0. \) Die Tschebyschevsche Ungleichung liefert für diese Menge, da \( f \) nichtnegativ ist, |
\[ 0\lt\frac{1}{k}\cdot\ell_n^*(\Theta_k)\le\int\limits_{\Theta_k}f(x)\,d\ell_n(x)\le\int\limits_\Omega f(x)\,d\ell_n(x) \]
| im Widerspruch zur Voraussetzung, weshalb \( \ell_n^*(\Theta)=0 \) bzw. \( f=0 \) fast überall in \( \Omega \) folgt. |
Damit ist der Satz bewiesen.\( \qquad\Box \)
Eine weitere Folgerung der Tschebyschevschen Ungleichung ist
| (i) | Für alle \( \lambda\gt 0 \) gilt \( \ell_n^*(\Omega_\lambda)\lt\infty \) für die Menge |
| (ii) | Die Funktion ist fast überall endlich. |
Die Funktion \( |f| \) ist, wie \( f \) selbst, Lebesgueintegrierbar und besitzt endliches Lebesgueintegral. Für \( \lambda\gt 0 \) liefert daher die Tschebyschevsche Ungleichung \[ \ell_n^*(\{x\in\Omega\,:\,|f(x)|\gt\lambda\}) \le\frac{1}{\lambda}\,\int\limits_\Omega|f(x)|\,d\ell_n(x) \lt\infty\,. \] Das zeigt (i), und (ii) folgt unmittelbar, denn wäre (ii) falsch, so existiert ein \( \mu_0\gt 0 \) mit \[ 0\lt\mu_0\le\ell_n^*(\{x\in\Omega\,:\,|f(x)|\gt\lambda\})\le\frac{1}{\lambda}\,\int\limits_\Omega|f(x)|\,d\ell_n(x) \] für alle \( \lambda\gt 0, \) was ein Widerspruch ist.\( \qquad\Box \)
Die Tschebyschevsche Ungleichung impliziert schließlich auch die folgende Aussage.
Wir gehen in zwei Schritten vor.
| 1. | Wir setzen |
\[ \Theta^+:=\Theta\cap\{x\in\Omega\,:\,f(x)\gt 0\}\,,\quad \Theta^-:=\Theta\cap\{x\in\Omega\,:\,f(x)\lt 0\}\,. \]
| Alle rechts auftretenden Mengen sind Lebesguemessbar, also auch \( \Theta^+ \) und \( \Theta^-. \) Wegen |
\[ \int\limits_\Theta f(x)^+\,d\ell_n(x)=\int\limits_{\Theta^+}f(x)\,d\ell_n(x),\quad -\,\int\limits_\Theta f(x)^-\,d\ell_n(x)=\int\limits_{\Theta^-}f(x)\,d\ell_n(x) \]
| mit den üblichen Setzungen \( f^+ \) und \( f^- \) folgen also |
\[ \int\limits_\Theta f(x)^+\,d\ell_n(x)=0,\quad \int\limits_\Theta f(x)^-\,d\ell_n(x)=0 \]
| für alle messbaren Teilmengen \( \Theta\subseteq\Omega. \) Wir können also im Folgenden \( f(x)\ge 0 \) in \( \Omega \) annehmen. | |
| 2. | Nun setzen wir |
\[ \Omega_k:=\left\{x\in\Omega\,:\,f(x)\ge\frac{1}{k}\right\}. \]
| Die Tschebyschevsche Ungleichung liefert dann |
\[ \frac{1}{k}\cdot\ell_n^*(\Omega_k)\le\int\limits_{\Omega_k}f(x)\,d\ell_n(x)=0 \quad\mbox{für alle}\ k=1,2,\ldots, \]
| d.h. \( \ell_n^*(\Omega_k)=0 \) für alle \( k=1,2,\ldots, \) d.h. |
\[ \ell_n^*(\{x\in\Omega\,:\,f(x)\gt 0\}) \le\sum_{k\ge 1}\ell_n^*(\Omega_k) =0. \]
| Also gilt \( f=0 \) fast überall in \( \Omega. \) |
Das war zu zeigen.\( \qquad\Box \)
Absolutstetigkeit des Lebesgueintegrals
Darunter verstehen wir Folgendes.
Gemäß nachfolgendem Beweis bestimmen wir \( \delta \) ganz konkret aus der vorgelegten Zahl \( \varepsilon \) sowie den Daten einer nichtnegativen, einfachen Funktion, welche \( |f| \) im Integral hinreichend genau approximiert.
Zunächst existiert eine monoton wachsende Folge \( \{\varphi^{(k)}\}_{k=1,2,\ldots} \) nichtnegativer, einfacher Funktionen \( \varphi^{(k)}, \) die \( |f| \) punktweise in \( \Omega \) approximiert, so dass \[ \int\limits_\Omega|f(x)|\,d\ell_n(x)=\lim_{k\to\infty}\int\limits_\Omega\varphi^{(k)}(x)\,d\ell_n(x). \] Zu vorgegebenem \( \varepsilon\gt 0 \) finden wir also eine nichtnegative, einfache Funktion \[ \varphi(x)=\sum_{i=1}^Nc_i\chi_{\Omega_i}(x),\quad x\in\Omega, \] mit Koeffizienten \( c_i\ge 0 \) für alle \( i=1,\ldots,N \) und \[ \int\limits_\Omega|f(x)|\,d\ell_n(x)-\int\limits_\Omega\varphi(x)\,d\ell_n(x) =\int\limits_\Omega\big\{|f(x)|-\varphi(x)\big\}\,d\ell_n(x) \lt\frac{\varepsilon}{2}\,. \] Setze \[ C:=\max_{1\le i\le N}\{c_1,\ldots,c_N\}\,. \] Dann erhalten wir \[ \begin{array}{lll} \displaystyle \int\limits_\Theta|f(x)|\,d\ell_n(x)\!\!\! & = & \!\!\!\displaystyle \int\limits_\Theta\big\{|f(x)|-\varphi(x)\big\}\,d\ell_n(x)+\int\limits_\Theta\varphi(x)\,d\ell_n(x) \\[1.6ex] & = & \!\!\!\displaystyle \frac{\varepsilon}{2}+\int\limits_\Theta\varphi(x)\,d\ell_n(x). \end{array} \] Weiter ist \[ \int\limits_\Theta\varphi(x)\,d\ell_n(x) =\sum_{i=1}^Nc_i\ell_n^*(\Omega_i\cap\Theta) \le CN\ell_n^*(\Theta). \] Setzen wir nun \[ \delta:=\frac{\varepsilon}{2CN}\,, \] so folgt unter der Voraussetzung \( \ell_n^*(\Theta)\lt\delta \) zusammenfassend \[ \int\limits_\Theta|f(x)|\,d\ell_n(x) \lt\frac{\varepsilon}{2}+CN\ell_n^*(\Theta) \lt\frac{\varepsilon}{2}+CN\delta \lt\frac{\varepsilon}{2}+\frac{\varepsilon}{2} =\varepsilon. \] Das war zu zeigen.\( \qquad\Box \)